Montag, 12. Januar 2015

Heilsgewissheit à la Calvinismus

Auf der Facebook-Seite der Grace Evangelical Society berichtete Shawn C. Lazar kürzlich von folgendem Gespräch, das er mit einem Calvinisten hatte (deutsche Übertragung von mir).
Shawn: Wie geht’s dir so? Ich habe gehört, du bist Calvinist geworden?
Freund: Ja, das stimmt!
Shawn: Drei Punkte? Vier Punkte?
Freund: Nein, alle fünf Punkte. Ich bin überzeugter Fünf-Punkte-Calvinist. Ich bin ein großer Fan von John Piper. Toller Bursche. Er hat mir wirklich weitergeholfen.
Shawn: Hm, ich weiß ja nicht, wie es bei dir aussieht, aber viele Calvinisten, denen ich begegne, leben mit Zweifeln und sind sich nicht sicher, ob sie erwählt sind oder ob Gott sie liebt. Erst neulich habe ich ein Interview mit einem reformierten Professor gemacht, der sich darüber beklagte, dass das ein großes Problem in calvinistischen Kreisen sei. Grassierende Zweifel.
Freund: Oh ja, damit habe ich auch zu tun.
Shawn: Was? Du hast damit zu tun?
Freund: Ja.
Shawn: Du bist nicht sicher, ob du gerettet bist?
Freund: Ich war es mal. Aber jetzt weiß ich es nicht mehr.
Shawn: Warum nicht?
Freund: Ich weiß nicht, ob ich zu den Erwählten gehöre oder nicht. Ich kann es nicht sagen.
Shawn: Warum kannst du das nicht sagen?
Freund: Ich glaube nicht, dass ich es in meinem Leben sehe.
Shawn: Die Früchte der Erwählung? Gute Werke und so weiter?
Freund: Ja, ich glaube einfach nicht, dass ich so gut bin.
Shawn: Das muss ein schreckliches Gefühl sein.
Freund: Ist es auch. Ist es auch.
Shawn: Glaubst du nicht, was Jesus in Johannes 3,16 verheißen hat? Dass jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben hat und nicht verloren geht?
Freund: Schon, aber woher weiß ich, ob ich wirklich glaube?
Shawn: Was heißt denn »wirklich glauben«?
Freund: Du weißt schon. Wenn man etwas wirklich glaubt.
Shawn: Nein, das weiß ich nicht. Soweit ich weiß, glaubt man entweder, dass etwas wahr ist, oder man glaubt es nicht.
Freund: Na ja, man darf die Sache nicht einfach nur mit dem Kopf glauben. Das genügt nicht. Man muss es wirklich glauben. Mit dem Herzen und so.
Shawn: Was ist dieses »wirklich glauben« denn nun genau? Glaube plus … ein Gefühl? eine Erfahrung? Oder was?
Freund: Ich weiß es nicht. Vielleicht. Es ist mehr, als nur etwas zu denken. Man fühlt es und lebt es … oder so.
Shawn: Also heißt »wirklich glauben« Glaube plus gute Werke tun?
Freund: Irgendwie schon.
Shawn: Sind wir nicht durch Glauben gerettet, ohne Werke?
Freund: Na ja, schon. Also vielleicht keine Werke. Aber es ist mehr als nur geistige Zustimmung.
Shawn: Du »glaubst« also Johannes 3,16, aber du weißt nicht, ob du es »wirklich glaubst«?
Freund: Genau. Weil nur die Erwählten es wirklich glauben. Ich könnte ein Verworfener sein, der nur meint, dass er glaubt. Denn wer weiß, ob ich nicht noch abfalle.
Shawn: Warte mal einen Moment. Du willst also damit sagen, Johannes 3,16 gilt für manche Leute, aber du bist nicht sicher, ob es für dich gilt?
Freund: Genau. Es gilt für die Erwählten, weil die es wirklich glauben. Gott gibt ihnen den Glauben dafür. Aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich glaube.
Shawn: Du bist also nicht sicher, ob du diesen besonderen Glauben hast. Mit anderen Worten, du hast kein Vertrauen zu deinem Glauben? Du weißt nicht, ob dein Glaube echt ist oder nicht?
Freund: Ja, ich denke, das ist ein Teil davon.
Lektion: Der Calvinismus lässt dein Denken in einem wirren Durcheinander von Zweifeln zurück.
PS: Dass es sich hier nicht um einen isolierten Einzelfall handelt, macht auch dieses bemerkenswerte Geständnis aus einem reformierten Forum deutlich.

Montag, 5. Januar 2015

Noch ein ungläubiger Jünger

Der iranisch-amerikanische Religionswissenschaftler Reza Aslan veröffentlichte 2013 eine Jesus-Biografie, die im selben Jahr auch auf Deutsch erschien: Zelot. Jesus von Nazaret und seine Zeit (Rowohlt Verlag). Das Buch enthält die üblichen bibelkritischen Positionen und erhebt auch nicht den Anspruch, von einem Gläubigen geschrieben worden zu sein. In einem Interview mit dem Radiosender NPR bekannte der Autor:
Ich würde mich nicht als Christen bezeichnen, denn ich glaube nicht, dass Jesus Gott ist, und ebenso wenig glaube ich, dass er das jemals selbst dachte oder sagte.
Darauf folgte jedoch ein bemerkenswerter Satz:
Aber ich bin ein Nachfolger [follower] Jesu, und ich denke, dass diese beiden Dinge – selbst Christen würden das wohl erkennen und zugeben – leider nicht immer dasselbe sind: Christ sein und Nachfolger Jesu sein.
Bei einer Lesung in Portland (Oregon) fasste Aslan die Absicht seines Buches ganz ähnlich zusammen:
Ich will den Leuten zeigen, dass man ein Nachfolger Jesu sein kann, ohne notwendigerweise Christ zu sein.
Nun könnte man natürlich einwenden, Aslan sei kein echter Nachfolger oder Jünger Jesu, wenn er kein Christ ist. Aber waren die Jünger in Joh 6,60–66, die »nicht glaubten«, deshalb keine Jünger? War Judas Iskariot kein Jünger? Die Schrift jedenfalls unterscheidet nicht zwischen »echten« und »unechten« Jüngern, sondern nur zwischen glaubenden und nicht glaubenden. In gewisser Weise ist Aslan sogar ein »besserer« Jünger als die Genannten aus Joh 6, da er von Jesus (dem Menschen) nach wie vor begeistert ist, während die ungläubigen Jünger in Joh 6 ihn verließen. Grundsätzlich gehört er jedoch in dieselbe Kategorie wie Albert Schweitzer.

(PS: Tatsächlich ist Aslans Situation wohl noch etwas komplizierter als die Schweitzers. Mit 15 Jahren hatte er in einem evangelikalen Jugendcamp ein Bekehrungserlebnis, das er in der Vorbemerkung seines Buches wie folgt beschreibt:
Vor 2000 Jahren, so erzählte man mir, wurde in einem Land namens Galiläa der Gott des Himmels und der Erde als hilfloses Kind geboren. Dieses Kind wuchs zu einem Mann ohne Sünde heran. Der Mann wurde zum Christus, zum Erretter der Menschheit. Durch seine Worte und Wundertaten provozierte er die Juden, die sich als das von Gott auserwählte Volk sahen, und dafür ließen ihn die Juden an ein Kreuz schlagen. Er hätte sich dieser grauenvollen Strafe entziehen können, doch er wählte aus freiem Willen den Tod. Sein Tod gab dem Ganzen erst einen Sinn, denn sein Opfer befreite uns alle von der Last unserer Sünden. Aber damit endete die Geschichte noch nicht, denn drei Tage später stand er wieder auf, erhöht und göttlich, sodass jetzt alle, die an ihn glauben und ihn in ihre Herzen aufnehmen, das ewige Leben haben werden. (S. 13f. der deutschen Ausgabe)
Von einigen Ungenauigkeiten in der Formulierung abgesehen, ist das eine ausgezeichnete Zusammenfassung des Evangeliums – sogar völlig frei von Lordship-Elementen. Auf Aslan, der aus einer säkularisierten muslimischen Familie stammte, machte diese Botschaft großen Eindruck:
Nie zuvor hatte ich die Anziehungskraft Gottes so deutlich gespürt. […] Für mich als Teenager, der versuchte, einer nicht klar umrissenen Welt, deren ich mir gerade erst bewusst geworden war, einen Sinn abzugewinnen, war dies eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte.
Sofort nach meiner Rückkehr aus dem Camp versuchte ich eifrig, die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzutragen: zu meinen Freunden und meiner Familie, meinen Nachbarn und Klassenkameraden, Menschen, die ich gerade kennengelernt hatte, und Leuten, die ich auf der Straße traf; zu jenen, die gern zuhörten, und jenen, die überhaupt kein Interesse hatten. (S. 14f.)
Einige Jahre später meinte er in der Bibel allerdings Widersprüche und Fehler zu entdecken und wandte sich daher wieder vom christlichen Glauben ab und dem Islam zu, den er heute für die »vernünftigere« Religion hält. Aus arminianischer Sicht hat er damit das Heil, das er vermutlich einmal besaß, wieder verloren; aus calvinistischer Sicht hat er damit bewiesen, dass er nie wirklich wiedergeboren war. Aus Free-Grace-Sicht kann er nach wie vor wiedergeboren sein – wenn seine Bekehrung echt war.)

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Ein ungläubiger Jünger

Der Missionsarzt Albert Schweitzer (1875–1965), dessen Todestag sich 2015 zum 50. Mal jährt, gilt vielen nach wie vor als »Symbolgestalt christlicher Nächstenliebe und gelebter Humanität« (ELThG). Mit 38 Jahren ließ er alles hinter sich, was er bisher erreicht hatte – darunter eine theologische Professur an der Universität Straßburg –, um im westafrikanischen Gabun ein Urwaldhospital zu gründen. Hier widmete er sich bis zu seinem Lebensende (mit einigen Unterbrechungen) dem Dienst an den Ärmsten der Armen, wofür er 1952 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Was veranlasste Schweitzer zu diesem radikalen Schritt? Am 26. Februar 1905, einen Monat nach seiner Entscheidung zur Aufnahme eines Medizinstudiums, schrieb er an seine spätere Frau Helene Bresslau:
Was ich will, das kann kein Hirngespinst sein. Dafür bin ich zu realistisch. Aber ich will mich aus diesem bürgerlichen Leben befreien, das alles in mir töten würde, ich will leben, als Jünger Jesu etwas tun. (Albert Schweitzer / Helene Bresslau: Die Jahre vor Lambarene. Briefe 1902–1912, hrsg. von Rhena Schweitzer Miller und Gustav Woytt, München [C.H. Beck] 1992, S. 82; alle Hervorhebungen durch mich, M.S.)
Schweitzer verstand sich also dezidiert als Jünger Jesu und seinen Dienst als Ausdruck dieser Jüngerschaft. Mit diesem Thema hatte er sich, wie er am 10. Juni 1908 an den Musiker Gustav von Lüpke schrieb, bereits seit vielen Jahren beschäftigt:
Aber ich habe mir es in meiner Jugend in den Kopf gesetzt zu ergründen, was es mit der Religion und dem Christentum sei, und ob etwas in dem Worte »Jünger Jesu« liegt; das Endresultat mag sein[,] wie es will. (Werner Zager: Albert Schweitzer als liberaler Theologe. Studien zu einem theologischen und philosophischen Denker, Beiträge zur Albert-Schweitzer-Forschung 11, Berlin/Münster [Lit] 2009, S. 136)
In seiner Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (1906, erweitert 1913) formulierte Schweitzer den Anspruch, den Jesus an seine Jünger stellte und heute noch stellt, folgendermaßen:
Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wußten, wer er war, herantrat. Er sagte dasselbe Wort: Du aber folge mir nach! und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muß. Er gebietet. Und denjenigen, welche ihm gehorchen, Weisen und Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist. (Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen [Mohr Siebeck] 1966, S. 630)
Noch pointierter drückte Schweitzer es in einer Predigt aus:
Jesus muß für uns der Herr sein, mit dem wir uns im Leben auseinandersetzen und vor dessen Worten wir Rechenschaft ablegen. Das Bekenntnis, nach dem wir uns prüfen, ist dieses, ob er für uns der Herr ist. (Predigten 1898–1948, hrsg. von Richard Brüllmann und Erich Gräßer, Werke aus dem Nachlaß 3, München [C.H. Beck] 2001, S. 979)
Das sind Worte, die das Herz jedes »Lordship-Salvation«-Verfechters höher schlagen lassen müssten (das vorletzte Zitat wurde der 2013 bei Hänssler erschienenen Romanbiografie Schweitzers von Ken Gire sogar als Motto vorangestellt). Und doch war Schweitzer kein Gläubiger im neutestamentlichen Sinne, denn das Fundament und Zentrum des christlichen Glaubens, den Sühnetod Jesu Christi am Kreuz, lehnte er ab. Werner Zager schreibt in seiner Schweitzer-Monografie (durchaus bewundernd):
Indem Schweitzer bei seinem Verständnis des Todes Jesu konsequent auf die Sühnevorstellung verzichtet, erweist er sich als liberaler Theologe, für den es kein Zurück hinter die Aufklärung geben kann. Ist es doch für den Menschen seit dem Zeitalter der Aufklärung ein inakzeptabler Gedanke, dass Jesus vor zwei Jahrtausenden in seinem Kreuzestod Schuld und Strafe aller Menschen – der damals lebenden, der damals bereits verstorbenen und der künftigen, also auch heutigen Menschen – auf sich genommen und beseitigt haben soll. (Zager, a.a.O., S. 67)
Zwar sprach auch Schweitzer noch von »Erlösung durch den Tod Jesu«, aber er verstand darunter nur eine »Erlösung vom Egoismus«. Jesus habe seine Jünger
durch nichts anderes als durch seinen Tod von den weltlichen Gedanken, die über sie herrschten, erlöst und sie zu neuen Menschen gemacht. Ist das nicht die Erlösung, nach der sich die Welt sehnt, daß sie geoffenbart werden soll, und nach der wir uns sehnen, daß sie in uns wirksam sich erweist, die Erlösung von den selbstischen, weltlichen Gedanken und von der Eitelkeit unseres Wandels […]? […] Die neue Erkenntnis heißt: dienen. Das Dienen aber wirkt Erlösung: unsere eigene Erlösung und daß wir andere erlösen können, von der Welt erlösen können. (Predigten 1898–1948, a.a.O., S. 727)
Dass wir »von den selbstischen, weltlichen Gedanken und von der Eitelkeit unseres Wandels« erlöst werden müssen, ist durchaus richtig und biblisch (1Petr 1,18), aber das können wir nicht selbst durch unser »Dienen« bewirken (wofür der Tod Jesu allenfalls noch ein gutes Beispiel liefert), sondern es geschah »mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken« (1Petr 1,19). Wer das leugnet, kann sich noch so emphatisch »Jünger Jesu« nennen und sein Leben an der Bergpredigt ausrichten (nach Schweitzer »die unanfechtbare Rechtsurkunde des freisinnigen Christentums«) – den rettenden Glauben, der sich allein auf das Werk Jesu Christi gründet und nicht auf eigene Werke, besitzt er nicht.

Als Schweitzer 29 Jahre alt war, umschrieb er seiner späteren Frau Helene Bresslau einmal wie folgt sein Lebensziel:
Und dann das Recht haben, ein Ketzer zu sein! Nur Jesus von Nazareth kennen; die Fortführung seines Werkes als einzige Religion haben […]. Nicht mehr die Angst vor der Hölle kennen, nicht mehr nach den Freuden des Himmels trachten […] – und doch wissen, daß man Ihn, den einen Großen, versteht und daß man sein Jünger ist. Gestern beim Einschlafen las ich das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, weil ich so sehr den Vers liebe: ›Was ihr getan habt einem dieser Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.‹ Aber wo beim Jüngsten Gericht von der Scheidung der ›Schafe und der Böcke‹ die Rede ist, da lächelte ich: Ich will nicht zu den Schafen und im Himmel treffe ich sicher eine ganze Gesellschaft, die ich nicht mag: St. Loyola, St. Hieronymus, und ein paar preußische Oberkirchenräte – und mit diesen allen freundlich tun und den Bruderkuß austauschen? Nein, ich verzichte, lieber in die Hölle, dort ist die Gesellschaft weniger gemischt. Mit Julian Apostata, Caesar, Sokrates, Platon und Heraklit läßt sich schon ein anständiges Gespräch führen. (Die Jahre vor Lambarene. Briefe 1902–1912, a.a.O., S. 68; 1. Mai 1904)
Wenn es im Leben Albert Schweitzers keinen Moment gab, in dem er auf das Blut Jesu vertraute und nicht auf sein eigenes »Dienen«, wird ihm dieser Wunsch wohl leider erfüllt werden.

Samstag, 23. November 2013

Ist jeder Gläubige ein Jünger (und umgekehrt)?

Das Standardwerk der »Lordship Salvation«, John MacArthurs Lampen ohne Öl, stellt apodiktisch fest:
»Jeder Christ ist ein Jünger. […] Jünger sind Leute, die glauben; und ihr Glaube motiviert sie, allen Geboten des Herrn zu gehorchen.« (John F. MacArthur: Lampen ohne Öl, Bielefeld: CLV ²2012, S. 221)
Ganz sicher ist dies der Normalfall. Eine genaue Lektüre der Evangelien zeigt jedoch, dass es auch Ausnahmen von dieser Regel geben kann. Prinzipiell lassen die Attribute »gläubig« und »Jünger« ja vier mögliche Kombinationen zu:

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gläubig ja nein ja nein
Jünger ja nein nein ja

Dass die Möglichkeiten 1 und 2 existieren, wird wohl niemand in Frage stellen; umstritten sind die Möglichkeiten 3 und 4 – doch auch sie kommen beide im Neuen Testament vor.

Gläubig, aber keine Jünger

Das vielleicht deutlichste Beispiel für Typ 3 findet sich in Joh 8,30f. (eine Stelle, die von MacArthur nicht behandelt wird):
Als er dies redete, glaubten viele an ihn. Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger.
Hier ist von Menschen die Rede, die an Jesus »geglaubt« hatten – dieses Wort steht im Johannesevangelium für den rettenden Glauben (Joh 3,16). Dennoch waren sie noch keine Jünger (oder jedenfalls noch nicht »wahrhaft«); dazu war es notwendig, dass sie »in seinem Wort blieben«. In ähnlichem Sinne konnten selbst die Apostel, die Jesus bereits drei Jahre nachgefolgt waren, noch aufgefordert werden, seine Jünger zu »werden« (Joh 15,8).

Ein zweites Beispiel für Typ 3 scheint mir in Joh 12,42f. vorzuliegen (auch auf diese Stelle geht MacArthur nicht ein):
Dennoch aber glaubten auch von den Obersten viele an ihn; doch wegen der Pharisäer bekannten sie ihn nicht, damit sie nicht aus der Synagoge ausgeschlossen würden; denn sie liebten die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott.
Diese Obersten »glaubten« ebenfalls an Jesus, aber es wäre wohl kaum angemessen, sie als »Jünger« zu bezeichnen, wagten sie es doch noch nicht einmal, öffentlich zu ihrem Glauben zu stehen, geschweige denn, Jesus buchstäblich nachzufolgen.

Jünger, aber nicht gläubig

Ein offensichtliches Beispiel für Typ 4, das auch von MacArthur diskutiert wird, ist Judas Iskariot. Ohne Zweifel war Judas ein Jünger (Joh 12,4), ja sogar ein Apostel (Lk 6,13.16), aber es gibt wenig Grund, ihn als Gläubigen anzusehen: Jesus nennt ihn »verloren«, »Sohn des Verderbens« und »Teufel« (Joh 17,12; 6,70), grenzt ihn von den übrigen Jüngern ab, die »rein« waren (Joh 13,10f.18), und urteilt über ihn, es wäre besser, »wenn er nicht geboren wäre« (Mk 14,21). In Joh 6,64 wird er direkt in einem Atemzug mit solchen genannt, »die nicht glaubten«. MacArthurs Versuch, ihn als »falschen Jünger« hinzustellen (S. 117f.), der sich wahrscheinlich für einen Gläubigen gehalten habe (S. 109), erscheint mir nicht überzeugend.

Im Kontext von Joh 6,64 werden noch weitere Jünger erwähnt, die keine Gläubigen waren:
Viele nun von seinen Jüngern, die es gehört hatten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Da aber Jesus bei sich selbst wusste, dass seine Jünger hierüber murrten, sprach er zu ihnen: […] Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben; aber es sind einige unter euch, die nicht glauben. Denn Jesus wusste von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer es war, der ihn überliefern würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt, dass niemand zu mir kommen kann, es sei ihm denn von dem Vater gegeben. Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. (Joh 6,60–66)
Auch diese Menschen werden uneingeschränkt als »Jünger« bezeichnet – sie waren Schüler und Nachfolger Jesu gewesen, und dennoch hatten sie nicht an ihn »geglaubt«. Das muss sogar MacArthur zugeben, aber er verbannt diese Erkenntnis in eine kleingedruckte Endnote im Anhang, die vermutlich von den wenigsten gelesen wird (S. 285, Anm. 2 zu Kap. 19).

Fazit

Selbstverständlich sind alle diese Fälle – das möchte ich abschließend noch einmal betonen – unnatürliche und ungesunde Ausnahmen. In der Regel tritt ein Mensch, der zum Glauben an Jesus Christus kommt, sogleich auch in seine Nachfolge, wächst und bringt Frucht (Joh 15,8). Dennoch müssen die Begriffe Glaube und Jüngerschaft prinzipiell auseinandergehalten werden, andernfalls droht die Gefahr theologischer Verwirrung und kurzschlüssiger Fehlurteile.

Dass es auch heute noch Menschen gibt, die sich als Jünger und Nachfolger Jesu verstehen, aber keinen rettenden Glauben besitzen, möchte ich im folgenden Beitrag am Beispiel Albert Schweitzers zeigen.

Samstag, 2. November 2013

Errettung und Jüngerschaft im Vergleich

Die für das »Lordship«-Lager charakteristische Gleichsetzung von Errettung und Jüngerschaft stiftet theologisch wie praktisch viel Verwirrung und Unklarheit. Eine Hilfe zum besseren Verständnis kann die folgende Gegenüberstellung sein, die ich nach einer englischsprachigen Vorlage von George Zeller übersetzt und bearbeitet habe. (Sehr nützlich ist auch diese grafische Darstellung des Themas von Tom Elseroad.)

Errettung Jüngerschaft
Errettung ist kostenlos, aber nicht billig (sie hat Jesus das Leben gekostet).
Röm 6,23; Jes 55,1; 1.Petrus1,18.19; 1Kor 6,20
Jüngerschaft ist teuer, und die Kosten müssen überschlagen werden.
Lk 14,25–33
Errettung findet in einem Augenblick statt.
Apg 2,47
Jüngerschaft ist ein lebenslanger Prozess.
Joh 8,31; Mt 28,19.20
Errettung bedeutet, zu Christus zu kommen und die Last der Sünde abzulegen.
Mt 11,28
Jüngerschaft bedeutet, Christi Joch aufzunehmen und von ihm zu lernen.
Mt 11,29
Die Einladung zur Errettung lautet: Komm zu mir!
Joh 6,37; Mt 11,28
Die Einladung zur Jüngerschaft lautet: Folge mir nach!
Lk 9,23
Errettung ist mit einer einzigen Bedingung verknüpft: an den Erlöser Jesus Christus zu glauben.
Apg 16,30.31; Joh 3,16
Jüngerschaft ist mit vielen Bedingungen verknüpft: dem Herrn Jesus nachzufolgen, in seinem Wort zu bleiben, ihn zu lieben, sich selbst zu verleugnen, alles zu verlassen, sein Kreuz aufzunehmen usw.
Mt 4,18–22; Joh 10,27
Errettung erfordert Gehorsam gegenüber dem Gebot zu glauben.
1Joh 3,23a; Joh 3,36
Jüngerschaft erfordert Gehorsam gegenüber allen Geboten Christi.
Mt 28,19.20
Der Sünder muss, um errettet zu werden, nicht die Anforderungen der Jüngerschaft erfüllen. Das wäre Errettung aus Werken. Der Gläubige hat, weil er errettet ist, die Pflicht, alle Anforderungen der Jüngerschaft zu erfüllen.
Eph 2,10
Jeder Gläubige erfüllt in Christus die Anforderungen der Gerechtigkeit Gottes ganz; die Errettung ist vollkommen.
2Kor 5,21; Kol 2,10; 1Kor 1,30
Gläubige erfüllen die Anforderungen der Jüngerschaft oft nicht ganz; aber sie streben danach.
Lk 14,25–33; Phil 3,12.13
Bei der Errettung geht es um das, was Christus getan hat.
1Kor 15,3.4
Bei der Jüngerschaft geht es um das, was der Mensch tun muss.
Lk 14,25–33
Um errettet zu werden, muss man zu den Füßen des gekreuzigten Christus niederfallen und die Gnade Gottes in Anspruch nehmen.
Lk 18,13
Um ein Jünger zu sein, muss man zu den Füßen Christi sitzen und seinem Wort geduldig und lernfähig zuhören.
Lk 10,39
Errettung beinhaltet, Gottes Geschenk anzunehmen.
Joh 1,12; Eph 2,8.9
Jüngerschaft beinhaltet, Gottes Belehrung anzunehmen.
Apg 2,42
Ein Erretteter ist ein Gläubiger und ein Heiliger.
1Joh 5,1; 1Kor 1,2
Ein Jünger ist ein Schüler oder Lerner. Manche Gläubigen sind bessere Schüler als andere.
Mt 11,29
Ein Erretteter hat Christus.
1Joh 5,12
Ein Jünger entsagt allem, was er hat.
Lk 14,33
Ein Erretteter bekennt Christus.
Röm 10,9.10
Ein Jünger verleugnet sich selbst.
Lk 9,23
Errettung beinhaltet, dass Christus mich liebt.
Röm 5,8; Gal 2,20
Jüngerschaft beinhaltet, dass ich Christus liebe.
Mt 10,37
Bei der Errettung geht es um unsere Stellung in Christus. Bei der Jüngerschaft geht es um unseren praktischen Zustand.
Errettung bezieht sich primär auf die Rechtfertigung. Jüngerschaft bezieht sich primär auf die Heiligung.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

»Lordship Salvation« und Jüngerschaft

Eines der Hauptprobleme von »Lordship Salvation« ist die Vermischung von Errettung und Jüngerschaft: Aussagen, mit denen Jesus während seines irdischen Lebens Menschen in seine Nachfolge berief (z.B. Mt 16,24: »Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach«), werden zur Voraussetzung für die Errettung gemacht. Die Unhaltbarkeit dieser Lehre hat Charles C. Bing in seinem Vortrag “Why Lordship Faith Misses the Mark for Discipleship” gut herausgearbeitet. Bing nennt insgesamt sechs Schwachpunkte des »Lordship«-Verständnisses von Jüngerschaft:
  1. »Lordship«-Glaube verwechselt Rechtfertigung und Heiligung
  2. »Lordship«-Glaube macht die Gnade durch Werke zunichte
  3. »Lordship«-Glaube hat unrealistische Erwartungen an Nichtwiedergeborene
  4. »Lordship«-Glaube lässt keinen Raum für Wachstum
  5. »Lordship«-Glaube verdreht das Evangelium
  6. »Lordship«-Glaube macht das Heil unzugänglich
Eine deutsche Übersetzung des Vortrags (leider mit vielen Rechtschreibfehlern) findet sich auf der Website des Schweizer FeG-Pastors Marlon Heins.

Samstag, 31. August 2013

Fünf Dinge, die Gott nie gesagt hat

Das Erscheinen des Lordship-beeinflussten Evangelisationsratgebers Was Du im Himmel nicht mehr tun kannst von Mark Cahill hat mich dazu angeregt, für Zeit & Schrift einen Artikel des amerikanischen Free-Grace-Evangelisten R. Larry Moyer ins Deutsche zu übersetzen. Unter der Überschrift »Fünf Dinge, die Gott nie gesagt hat« räumt Moyer darin mit einigen weitverbreiteten Irrtümern über Bekehrung und Evangelisation auf:
  1. Wenn du den Tag deiner Bekehrung nicht weißt, bist du nicht gerettet.
  2. Wenn du gerettet werden willst, lade Jesus einfach in dein Herz ein.
  3. Wenn du eine Gelegenheit versäumst, Christus zu bezeugen, ist es deine Schuld, wenn der andere in die Hölle kommt.
  4. Wenn du zu mir kommst, will ich entweder dein ganzes Leben oder gar nichts.
  5. Wenn du nicht bereit bist, Christus öffentlich zu bekennen, kannst du nicht gerettet sein.
Nr. 4 und 5 sind typische Lordship-Behauptungen; Nr. 3 dagegen hört man eher von arminianischen Evangelisten, die der Souveränität Gottes wenig Bedeutung beimessen. Auch Cahill führt dieses (auf den alttestamentlichen Propheten Hesekiel gestützte) Argument an, um seine Leser zum Evangelisieren zu bewegen:
Wenn wir wissen, dass die Gesetzlosen sterben und in die Hölle kommen, und wir sie nicht warnen, dann wird ihr Blut von unserer Hand gefordert werden. (S. 213)
Moyer weist in seinem Artikel nach, dass diese Anwendung von Hes 3,16–21 und 33,1–11 exegetisch nicht haltbar ist. (Das englische Original des Artikels findet sich hier.)

Ausführlicher behandelt Moyer diese und weitere Irrtümer in seinem Buch 21 Things God Never Said (Kregel, Grand Rapids 2004). Als “Misconception 13” kommt darin auch ein Kernelement der Lordship-Lehre zur Sprache: “Unless you’re willing to turn from your sins, you can’t be saved.”

In deutscher Sprache liegt von R. Larry Moyer bisher nur das Taschenbuch Die ersten 31 Tage im Leben eines Christen vor – erschienen 2006 im selben Daniel-Verlag, der jetzt Mark Cahills Lordship-lastiges Evangelisationshandbuch herausgegeben hat.